Rückblick auf fünf Lesungen mit Rodrigue Peguy Takou Ndie

Dieser Beitrag ist bereits älter als vier Jahre. Eventuell ist der Inhalt nicht mehr aktuell.
Lesung Takou/Klumpf, Hannover, Unter Einem Dach, 27.04.2019

Nachdem am 19.5. die fünfte Lesung aus „Die Suchenden“ mit Peguy Rodrigue Takou Ndie im Mosaique in Lüneburg stattfand, ist es Zeit, diese Lesereise Revue passieren zu lassen. Waren es doch fünf Stationen auf denen wir in Hannover, Witzenhausen, in Göttingen, Hildesheim und Lüneburg vor interessiertem Publikum gelesen und angeregt diskutiert haben. Gelesen aus Takou Ndies fiktional dokumentarischer Erzählung, in der er Fragen und Zweifel bei der Flucht aus Afrika verhandelt, die Strapazen der mörderische Routen durch die Wüsten, die algerische Unwirtlichkeit, die Brutalität z.B. der Grenzanlagen von Ceuta und Mellia und die zermürbende Wirklichkeit im Hier Ankommen schildert. Einem Ankommen, das nur all zu oft von der andauernden Angst vor Abschiebung begleitet wird, einer Angst, die zu Stress und Krankheit, zu Lethargie und Aussichtslosigkeit führt. Zu einer Aufgabe deiner Wünsche und Träume – ja deiner Würde. Oder, wie es der namenlose Protagonist in „Die Suchenden“ sagt: „Europa ist eine Falle.“

Lesung Takou / Klumpf, Witzenhausen, 28.04.2019

Takou Ndie fast in diesem Buch selbst gemachte Erfahrungen aus zwei Jahren Flüchtlingslager in Eisenhüttenstadt und Henningsdorf zusammen und mischt sie mit Erzählungen jener, die ihm von ihren Passagen, ihren Route, ihren Wegen nach Europa erzählt haben.

Rodrigue selbst musste 2013 aus politischen Gründen aus Kamerun fliehen. Aus einem Kamerun, das ehemals deutsche Kolonie war und schon damals, 1868 – 1911 auf den Weltmarkt zugeschnitten wurde (deutsche Kolonialisten erfanden dort die deutsche Banane). Aus einem Kamerun, das nach dem 1. Weltkrieg Kolonie Frankreichs und Englands werden sollte, und dessen künstliche Sprachenteilung heute wieder zu blutigen Fehden führt, quasi eine ethno-linguistische Aufladung eines sozialen Konflikts nach sich zieht. Und eines heutigen, seit 1960 formal unabhängigen Kameruns, das unter einem seit 36 Jahren am Thron festhaltenden, 87 Jahre alten, von den USA mit Waffen versorgten, kleptokratischen Herrschers und seiner Clique, sowie den von ihnen eingeladenen multinationalen Konzernen der USA, Kanadas, der EU und Chinas leidet. Einem Kamerun, das es während unserer Leseresie dank einem an Intensität zunehmenden Bürgerkriegs nach langer Zeit wieder in die internationalen Medien (hier z.B. im Deutschlandfunk) geschafft hat.

Lesung Takou / Klumpf, Göttingen, Literarisches Zentrum, 08.05.2019

Dabei steht Kamerun für Rodrigue nur exemplarisch für viele afrikanische Länder, aus denen sich Menschen auf den Weg machen. Auf den Weg machen, weil sie, wie Rodrigue es sagt „Migranten sind, die Opfer des Neo-Kolonialismus, des globalisierten Kapitalismus geworden sind, Migranten also, die also eigentlich politisch Verfolgte sind, aber im Gewand des Wirtschaftsflüchtling daher kommen“. Diese Trennung in anerkannte politisch Verfolgte und entrechtete Wirtschaftsflüchtlinge, so Rodrigue, kann kein Geflüchteter nachvollziehen. Sie alle sind Vertriebene von ihren Schollen, Gestrandete auf den verlängerten Werkbänken, die überflüssigen Esser der automatisierten Globalisierung, Fliehende vor den zermürbenden Kämpfen und Kriegen um’s nackte Überleben der einen und die letzten Pfründe der anderen.

Diese Geflüchteten kommen aus Verhältnissen, in denen der verlogene Ruf, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen und könne nicht die Menschen alle zu uns lassen, wie Hohn klingen. Die Investitionspolitik der letzten 50/60 Jahre seit der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Länder in ihre neokoloniale Traurigkeit, die Investitionspolitik, sei sie als Entwicklungspolitik getarnt oder offen als Strukturanpassung oder neoliberale Marktöffnung vollzogen, hat das Elend nur auf eine neue Stufenleiter gehoben. Von einer befriedigende Lösung sind die allermeisten Länder des globale Südens weiter entfernt denn je. Und so sind wir, so Takou Ndie, mehr denn je aufgefordert nach neuen Wege der internationalen Solidarität zu suchen – im globalen Süden ebenso wie im Norden. (Hierzu spricht Rodrigue Peguy Takaou Ndie auch in der Ausgabe Nr. 60 des Süd-Nord-Funks oder hier aus der Sendung heraus geschnitten)

Lesung Takou / Klumpf, Hildesheim Buchecke Ameis, 09.05.2019

Aufgefordert aber sind wir, diejenigen, die sich in diesen Zeiten des Stillstands und des nur zähen, aber hart umkämpften Wandels, auf den Weg machen, in Respekt und Würde Willkommen zu heißen. Denn eins ist offensichtlich: während weltweit 70 Mio Menschen auf der Flucht sind, kommen aktuell gerade einmal 160.000 von ihnen in Deutschland an. Ihnen gilt unser gemeinsames Ringen um Respekt, Würde und Solidarität. Takou Ndie nennt hierfür nur zwei Beispiele, die sie mit Afrique-Europa-Interact, wo er mitarbeitet, verfolgen: das Alarmphone Sahara und Schutzwohnungen für geflüchtete Frauen in Algerien. Deren Ansätze erläuterte Takou Ndie in den Gesprächen nach den Lesungen.

Insbesondere zum Alarmphone Sahara gab es dann auch zeitnah zur Lesung in Lüneburg den bedrückenden fb-post, dass „At least 1316 people were pushed back from Algeria to Niger in the border zone at Assamakka since 1st of May 2019. Pushbacks of several hundreds of people are presently carried out once a week or even more often.“ (https://www.facebook.com/AlarmePHONESahara)

In diesem Sinne waren diese fünf Abende anregende Gesprächseinstiege, belebter Gedankenaustausch und solidarisches Suchen – vor allem aber ein offenes Hören und Nachdenken. Nicht  nur über Kamerun einerseits und das deutsche Asylsystem anderseits, sondern auch über unsere gemeinsamen Herausforderungen in einer solidarischen Welt.

Bitte schreiben Sie an dieser Stelle nur allgemeine Kommentare.
Wenn Sie individuell Beratung und Unterstützung brauchen, wenden Sie sich bitte an ...

Schreibe einen Kommentar

Jetzt spenden und unsere Arbeit unterstützen!